Etwa 23.400 Radfahrer verunglücken jährlich auf Deutschlands Straßen und erleiden eine
Schädelhirnverletzung. 85 Prozent von ihnen trugen keinen Helm und riskieren so schwere Kopfverletzungen. Der Neurologe Christoph Kley erläutert, was bei einem Sturz passiert und warum nicht nur Fahrradfahrer Helme tragen sollten.
Wie kann man ein rohes Ei auf die Straße werfen, ohne, dass es zerplatzt? Ganz einfach mit einem Prinzip, das auch den Kopf von Fahrradfahrern schützt: Schnallt man dem Ei einen Mini-Fahrradhelm um, prallt es unversehrt auf. Wie ein rohes Ei ist auch das menschliche Gehirn von einer harten, aber zerbrechlichen Schale umgeben.
Der Neurologe Christoph Kley vergleicht es auch gern mit einem Kind, das im Mutterleib geschützt in der Fruchtblase schwimmt. Auch das menschliche Denkorgan ist von einer schützenden Flüssigkeit umgeben, die Stöße teilweise dämpft. Doch das allein kann nicht jede Verletzung verhindern. Prallt ein Fahrradfahrer ungeschützt mit dem Kopf auf eine Bordsteinkante oder ein Auto, stößt das Gehirn innen an den Schädel. „Dort entsteht eine Blutung wie bei einem blauen Fleck an Armen oder Beinen“, erklärt Christoph Kley, Chefarzt der
Neurologie am St. Johannes Krankenhaus in Troisdorf. Dabei können Hirnzellen absterben. Zudem schwillt das Gewebe an. „Weil der Schädel nicht nachgibt, quetscht sich das Gehirn dabei selbst Blutgefäße ab und erleidet irreparable Schäden durch Sauerstoffmangel.“
Fatale Spätfolgen
Solche Hirnquetschungen können auch noch nach Stunden oder sogar einem Tag auftreten - und auch dann, wenn ein Sturz vermeintlich glimpflich ablief. So kann ein Unfallopfer auch noch 24 Stunden nach dem Sturz infolge einer Hirnblutung einen Schlaganfall oder eine Hirnquetschung erleiden. „Das sind katastrophale Verläufe“, weiß Christoph Kley. Typische Symptome sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Lähmungserscheinungen. Schließlich verliert der Betroffene das Bewusstsein. „Wenn man dann nicht schnell genug reagiert, erleidet der Patient schwerste Hirnschädigungen oder stirbt sogar“, warnt der Experte. Denn das Gehirn erholt sich kaum von Verletzungen: Sind Gehirnzellen einmal abgestorben, gibt es für sie keinen Ersatz.
Dabei spielt es keine Rolle, ob ein Radfahrer schnell fährt oder langsam, denn wenn man mit dem Kopf auf dem Asphalt aufprallt, drohen selbst aus dem Stand schwerste Schäden. Das gilt selbstverständlich auch für Rollschuhfahrer, Inline-Skater oder für Kinder und Jugendliche, die mit dem Skateboard unterwegs sind. Denn der Schädel von Kindern ist noch relativ weich und verformbar. „Das hat den Vorteil, dass die Schädelknochen nicht so leicht brechen. Auf der anderen Seite ist das Gehirn von Kindern dadurch schlechter geschützt, und der Impuls aus einem Sturz trifft es mit voller Wucht“, weiß der Troisdorfer Neurologe.
Kleine Schäden mit großer Auswirkung
Egal, ob alt oder jung: Kommt es zum Sturz, ist es reine Glückssache, wie schwer der Schaden ausfällt. „Schon ein vergleichsweise leichter Aufprall kann schwerste Schädigungen verursachen, denn entscheidend ist, welche Gehirnregion verletzt wird.“ Besonders fatal sind Verletzungen im
Hirnstamm, denn dort sitzt das Zentrum für das Bewusstsein. Selbst minimale Schädigungen dort können dazu führen, dass Betroffene für den Rest ihres Lebens im
Wachkoma liegen, obwohl alle Organe und Gliedmaßen völlig intakt sind. Doch auch wenn die Vorderseite des Gehirns, das sogenannte
Frontalhirn, verletzt wird, kann dies dramatische Auswirkungen haben, denn dieses Areal zeichnet für die Persönlichkeit verantwortlich. Betroffene leiden häufig an dramatischen Verhaltensänderungen und werden beispielsweise plötzlich aggressiv.
Deshalb rät auch Dr. Christoph Kley: „Kaufen Sie sich einen Helm und tragen Sie ihn immer, wenn Sie mit dem Rad unterwegs sind. Helme sind heutzutage für jedermann erschwinglich - und die Kosten sind im Vergleich zu dem, was eine lange schwere Krankheit kostet, wirklich gering.“
So schützt ein Helm das Gehirn
Prallt der Schädel mit voller Wucht gegen einen harten Gegenstand oder auf die Straße, wirken kurzzeitig enorme Kräfte auf Schädelknochen und Gehirn ein. Ein Helm verteilt die punktuelle Belastung gleichmäßig auf die Kopfoberfläche. Die Sturzenergie wird dabei besser verteilt. Unter Umständen verformt sich das Styropor und absorbiert dabei zusätzliche Kräfte. Darüber hinaus läuft vom Aufprallort eine dreidimensionale Druckwelle kreisförmig über den Helm weiter. Deshalb kann es passieren, dass auf der Seite gegenüber des Aufpralls weitere Beschädigungen auftreten, sogenannte „Gegenbrüche“. Bricht der Helm ganz, ist dies ein Beweis dafür, welche gigantischen Energiemengen er aufgenommen hat. Studien haben überdies gezeigt, dass die Bruchmuster des Helmes dieselben sind wie die des Schädels. „Wer schon mal einen auseinander gebrochenen Helm gesehen hat, ist froh, dass dieses Schicksal seinen Schädelknochen erspart geblieben ist“, sagt Dr. Christoph Kley.
Zur Person: Dr. med Christoph Kley, Chefarzt der Neurologie am St. Johannes Krankenhaus in Troisdorf-Sieglar, fuhr jahrelang täglich eine Strecke von über zwölf Kilometern zur Arbeit. Leider wohnt er nun zu weit weg von seiner Arbeitsstätte, aber er genießt in seiner Freizeit Radtouren mit seiner Frau Beatrix und seinen elfjährigen Zwillingen Lenart und Paul - selbstverständlich stets mit Helm.