Verleihung des mit 15.000 Euro dotierten Förderpreises 2003 des KURATORIUM ZNS und der Hannelore-Kohl-Stiftung
Der in zweijährigem Turnus vergebene Förderpreis des KURATORIUM ZNS und der Hannelore-Kohl-Stiftung soll Anreiz sein zur Erforschung, Entwicklung und Erprobung von Verfahren zur Diagnostik und Therapie in der neurologischen, neurochirurgischen und neuropsychologischen
Rehabilitation. Ausgezeichnet werden die herausragenden Leistungen von Nachwuchswissenschaftlern auf dem Gebiet der Neurorehabilitation. Der zum sechsten Mal vergebene Preis wurde im Rahmen des Symposiums "Neurorehabilitation - heute und morgen" durch die Präsidentin des KURATORIUM ZNS Frau Ute-Henriette Ohoven und Herrn Professor Dr. Dr. Klaus Mayer, Vizepräsident und Vorstandsvorsitzender der Hannelore-Kohl-Stiftung an Frau Dr. med. Catrin Bütefisch für zwei Arbeiten überreicht. Sie konnte in einem experimentellen und kontrollierten Versuchsaufbau an gesunden Probanden nachweisen, dass Bewegungsabläufe durch Training mit gezielter Stimulation (niederfrequente repetitive Magnetstimulation) der für diese Bewegung zuständigen Hirnareale sowie unter gleichzeitiger Anwendung von noradrenergen Stoffen (D-Amphetamin) positiv beeinflusst werden können. Erste klinische Pilotstudien bei hirngeschädigten Patienten scheinen die Ergebnisse zu bestätigen. Frau Dr. Catrin Bütefisch arbeitet heute, nach Studium und medizinischer Weiterbildung in Deutschland, England und den USA, als wissenschaftliche Assistentin und Assistenzärztin am Neurologischen Therapiecentrum Düsseldorf und ist Stipendiatin des Lise-Meitner-Habilitationsprogrammes für Nachwuchswissenschaftlerinnen. Sie ist ein Musterbeispiel für die gelungene Verwirklichung einer zeitraubenden und Kraft kostenden ärztlichen und wissenschaftlichen Ausbildung und Tätigkeit sowie Ehe mit einem ärztlichen Kollegen und Betreuung und Erziehung von zwei Kindern.
Interview
Castor: Sie haben heute den Förderpreis 2003 des KURATORIUM ZNS und der Hannelore-Kohl-Stiftung entgegen nehmen können. Herzlichen Glückwunsch zu dieser Auszeichnung!
Sie wirkten bei der Übergabe sehr bewegt.
Bütefisch: Ja, diese Auszeichnung bedeutet mir sehr viel und natürlich ist auch die finanzielle Unterstützung meiner weiteren Forschungsarbeit durch das KURATORIUM ZNS und die Hannelore-Kohl-Stiftung enorm wichtig.
Castor: Haben Sie den Eindruck, dass Frauen in der medizinischen Forschung nach wie vor härter um derartige Auszeichnungen kämpfen müssen?
Bütefisch: Ich bin sehr gefördert worden durch Professor Seitz und Professor Hömberg und das Lise-Meitner-Programm ist gerade für Frauen in der medizinischen Forschung eine extrem wichtige Einrichtung. Nach wie vor haben Frauen jedoch mit starken Vorurteilen zu kämpfen, besonders, wenn sie zugunsten des Berufs nicht auf Kinder verzichten möchten.
Castor: Das KURATORIUM ZNS und die Hannelore-Kohl-Stiftung fördern unter anderem mit ihrem Förderpreis Forschung im Bereich der neurologischen Rehabilitation von Unfallopfern mit Verletzungen des Zentralen Nervensystems, also eine stark praxisbezogene Forschung. In den Arbeiten für die Sie ausgezeichnet wurden weisen sie an gesunden Probanden experimentell nach, dass Bewegungsabläufe durch Training unter gezielter, kontrollierter Stimulation der für dies Bewegung zuständigen Hirnareale positiv beeinflusst werden können. Wie geht es von hier aus weiter in Richtung der therapeutischen Praxis?
Bütefisch: Meine Arbeit ist Grundlagenforschung, die jetzt in einer nächsten Stufe nicht mehr mit gesunden Probanden, sondern mit Patienten fortgesetzt wird. Wichtig sind die sehr kontrollierten Bedingungen der experimentellen Anordnungen. Die Patienten erhalten eine Übungstherapie gepaart mit Magnetstimulation. Die Bedingungen des experimentellen Aufbaus werden natürlich den besonderen Verhältnissen der Patienten angepasst. Im Bereich der Therapieforschung ist dies ein Weg hin zu wissenschaftlich begründ- und beweisbaren Therapiestrategien.
Das Interview führte Dr. Traude Castor
"Neurorehabilitation - heute und morgen" - Forschung für Hirnverletzte
Wissenschaftliches Symposium des KURATORIUM ZNS und der Hannelore-Kohl-Stiftung
Ein schwerer Autounfall riss den damaligen Berliner Generalmusikdirektor Professor Reinhard Peters jäh aus der Bahn alles Gewohnten. Die Diagnose, eine schwere Schädigung des Zentralen Nervensystems (ZNS), so schwer, dass er für klinisch tot erklärt wurde. Jahre später war Reinhard Peters zum Erstaunen aller, die ihn in seiner Not erlebt hatten und über alle ärztlichen und therapeutischen Erwartungen hinaus, wieder in der Lage in Brasilien das "Orquestra Sinfonica Brasilieira" zu dirigieren und sein musikalisches Wissen an Studenten weiterzugeben. Dazwischen lag eine therapeutische Odyssee, eine Herkulesarbeit intensiven therapeutischen Wiederaufbaus für ihn und seine ihn durch alle Stationen begleitende Frau, die ihm einen sanften, verständnisvollen Weg zurück zu einem erfüllten Leben bahnte. Der von Professor Dr. Klaus von Wild (Chefarzt a.D., Clemenshospital Münster) im Rahmen eines vom KURATORIUM ZNS ausgerichteten Symposiums zum Thema "Neurorehabilitation - heute und morgen" vorgetragene beeindruckende Weg von Reinhard Peters zeigte deutlich welche Bedeutung Fortschritt auf dem Gebiet der Neurorehabilitation für Hirnverletzte haben kann. "Forschung muss nicht um der Forschung Willen allein durchgeführt werden. Sie muss den Verletzten zugute kommen", forderte in seinem Einführungsvortag Prof. Dr. e.m. Wolfgang J. Bock (Neurochirurgische Klinik, Universitätsklinikum Düsseldorf). "Die Frührehabilitation und die weitere Rehabilitation gehört in das Blickfeld des Neurologen und Neurochirurgen.".
Vor nunmehr zwanzig Jahren, angesichts des zumeist versteckten Elends derjenigen, die mit den Folgen einer Hirnverletzung den Zweiten Weltkrieg überlebt hatten, gründete Hannelore Kohl das KURATORIUM ZNS. Der Verbesserung der Situation schädelhirnverletzter Menschen, der Minderung ihres Leids und der Mehrung ihrer Möglichkeiten für ein Leben in Würde gilt seither die Arbeit des KURATORIUM ZNS. Dabei wird in der Förderung von Wissenschaft und Forschung die ganze Breite des Krankheitsbildes und seiner psycho-sozialen Folgen berücksichtig. Der Stand der wissenschaftlichen Forschung im Bereich der Neurorehabilitation verdankt sich wesentlich auch der Arbeit von ZNS. Jedes Jahr erleiden 300.000 Menschen
Schädelhirntraumata, darunter 150.000 nicht älter als 25 Jahre, 45.000 Kinder sind jünger als 5 Jahre. Eine Verletzung des Zentralen Nervensystems (ZNS) bei einem Unfall zieht immer eine Vielzahl von gravierenden Folgen nach sich. Die körperlichen und/oder die geistig-seelischen Fähigkeiten des betroffenen Menschen sind meist in Kombination beeinträchtigt oder zerstört. Dies wiederum hat Auswirkungen auf das persönliche, soziale und berufliche Umfeld.
Entsprechend breit angelegt war das Spektrum der Themen, die während des Symposiums am 10. Mai aufgegriffen wurden. Sprach- und Sprechstörungen, sogenannte Aphasien beispielsweise, die 38 % der Hirnverletzten betreffen, erfordern meist eine langwierige logopädische Therapie. Therapeutische Erfolge sind allgemein von der Regelmäßigkeit und Häufigkeit der Wiederholungen abhängig. Eine Möglichkeit durch technische Hilfsmittel, mit denen der Patient eigenständig üben kann, die therapeutische Effizienz zu erhöhen, stellte Prof. Dr. Walter Huber (Neurolog. Klinik der RWTH Aachen) vor. Mit einem Handscanner erfasst der Patient Gegenstände, deren Benennung sein geschädigtes Gehirn ihm verweigert. Ein Computer erkennt den gescannten Gegenstand und spricht das fehlende Wort aus, so dass es wiederholt werden kann. Neue bildgebende Verfahren zeigen, dass an der Reorganisation des im Gehirn gestörten Sprachsystems überproportional häufig die rechte Hirnhemisphäre beteiligt ist. Neue Möglichkeiten für die Diagnose und die Kontrolle von Therapieerfolgen, aber auch für die Entwicklung neuer Therapieansätze bietet gerade in diesem Bereich die Erfassung von Hirnaktivitäten durch die funktionelle
Kernspintomographie (Prof. Dr. Rüdiger J. Seitz, Neurolog. Universitäts-Klinik Düsseldorf). Auf die Notwendigkeit evidenzbasierter Therapien verwies Prof. Dr. Volker Hömberg (NTC Düsseldorf). Er sprach gar von einem Paradigmenwechsel. Klassische physiotherapeutische Maßnahmen seien wie Medikamente ohne Nachweis von Wirkung und Nebenwirkung. Erfolge in der Rehabilitation motorischer Störungen zeigen heute jedoch Methoden, die auf Wiederholung und die direkte Mitarbeit des Patienten bauen. Schädelhirntraumata hinterlassen ihre Spuren nahezu immer in Bereichen der kognitiven Fähigkeiten. Das breite Spektrum der Defizite auch bei leichten Schädigungen - Gesichtsfeldausfälle, Aufmerksamkeitsdefizite zählen dazu - und die Verbesserung von diagnostischen und therapeutischen Verfahren schilderte Prof. Dr. Josef Zihl (Inst. f. Psychologie-
Neuropsychologie, Universität München). Ist das menschliche Gehirn nicht in der Lage eigenständig Ersatzstrategien zu erlernen, so können Hilfsmittel Unterstützung geben. Ist beispielsweise die Fähigkeit zu Planen eingeschränkt, so kann ein elektronischer Organizer Teil einer Überlebensstrategie werden. Implantierte Neuroprothesen, die in relativer Eigenständigkeit etwa den exakten Ablauf einer Bewegung festlegen, sind dank des rasanten Fortschritts in der Sensor-, Prozessor- und Mikrotechnologie heute keine Fiktion mehr. Dennoch befinden sich "gegenwärtig die meisten Neuroprothesen auf dem Stand von Toastern ohne Rückkopplung" ( Prof. Dr. W.J. Daunicht, NTC Düsseldorf).
Für erfolgreiche Therapiekonzepte und das Ziel der Wiedereingliederung schädelhirnverletzter Menschen müssen jedoch die rechtlichen, finanziellen, sozialen Rahmenbedingungen gewährleistet oder optimiert werden. Eine Beschneidung etwa der erfolgreichen, aber langwierigen Therapien etwa im Bereich der Schluckstörungen (Dr. Mario Prosiegel, Neurolog. Krankenhaus München) durch neue Finanzierungs- und Abrechnungsgrundlagen, führt nicht nur zu dauerhaftem und vermeidbarem Leid, sondern langfristig auch zu höherer Belastung der Volkswirtschaft. Leistungsabbau ohne den gleichzeitigen Aufbau neuer Finanzierungsstrategien führt etwa dazu, dass eine Klinik wie Vallendar, die in besonderem Maße mit den Anfängen des KURATORIUM ZNS verbunden ist, heute vor dem finanziellen Aus steht. Im Sinne einer "Dienstleistung, die dem Menschen folgt, nicht der Mensch der Dienstleistung" forderte der Bundesbeauftragte für die Belange der Behinderten Karl Hermann Haak die Selbstbestimmung des Patienten, der über sein Budget verfügt und den Tabubruch gegenüber dem gegliederten Versicherungssystem. Im Sinne einer Stärkung des Patienten sah Prof.Dr. Otto E. Krasney, eine stärkere Verflechtung der Leistungsträger, das Recht auf Mitwirkung des Patienten und die Pflicht des Versicherungsträgers zur Information als einen Weg zu einer Sicherung des Weges vom Akutkrankenhaus bis zur Wiedereingliederung "Hand in Hand". Eine wirkliche Wiedereingliederung kann nur erzielt werden bei einer Einbeziehung der Angehörigen in den Therapieprozess. Diesem Themenkreis widmet sich im Rahmen des Symposiums ein Forum in dem auch Betroffene durch ihr Beispiel Wege und Chancen aufzeigen, auch um eine "neue Sicht der Dinge zu entwickeln - für Behinderte und Nichtbehinderte" ehem. Weltmeister im Springreiten (Norbert Koof, Willich).
Ein wichtiger Bereich der Arbeit des KURATORIUM ZNS, der ebenfalls im Rahmen des Symposiums seinen Platz hat, ist der präventive Hinweis auf Gefahrensituationen im Alltag. Mit 1000 Unfällen täglich zählen Stolpern, Ausrutschen, Stürzen zu den häufigsten Ursachen von Arbeitsunfällen, die häufig auch mit Verletzungen des Gehirns einhergehen. Mit der Aktion "Sicherer Auftritt" - Plakaten und Informationen in den Betrieben wollen die Berufsgenossenschaften, unterstützt von Eisschnelllaufstar Anni Friesinger, die Zahl von bislang mehr als 250.000 Sturzunfällen jährlich am Arbeitsplatz um 15 Prozent senken (Gregor Doepke, Hauptverband gewerbliche Berufsgenossenschaften, Sankt Augustin). "Think ahead!" - also: Denke voraus und schütze Deinen Kopf ist eine neue durch Professor Coordt von Mannstein (von Mannstein Werbeagentur GmbH, Solingen) vorgestellte Kampagne des KURATORIUM ZNS, die
Aufmerksamkeit auf das Thema der Schädelhirnverletzungen lenkt. Mit den Motiven eines transparenten Motorrad- und Fahrradhelms, die jeweils die Grundstrukturen eines Gehirns durchscheinen lassen, werben Plakate für den Schutz des empfindlichen Organs, das in Abwandlung eines Satzes von Alfred Döblin nicht nur das gefährlichste, sondern auch das gefährdedste Instrument des Menschen ist.
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