ZNS - Hannelore Kohl Stiftung für Verletzte mit Schäden des Zentralen Nervensystem

10.09.2010
Ein Helm hilft, bevor wir helfen müssen! An unserer Forderung einen Helm zu tragen, halten wir fest - aber ohne Sanktionen.

Berlin, 10. September 2010 - Wenn es nach dem Willen der ZNS - Hannelore Kohl Stiftung geht, sollten Fahrradfahrer genauso selbstverständlich zum Helm greifen, wie Autofahrer den Gurt anlegen. Kosmetische Ausreden - etwa, der Helm ruiniere die Frisur - lassen die Experten der Stiftung nicht gelten. Die Hilfsorganisation betreut seit über 25 Jahren schädelhirnverletzte Menschen mit deren Angehörigen und versteht sich als Wahrer derer Interessen.

Bereits zum zweiten Mal lud die Stiftung führende Mediziner, Psychologen, Unfallforscher sowie Experten aus Rechts- und Kommunikationswissenschaft zu einer zweitägigen Sicherheitskonferenz ein, um im interdisziplinären Austausch neue Strategien für Prävention und Versorgung von Schädelhirnverletzungen zu diskutieren.
Die Experten waren sich einig: Fahrradhelme können zwar Unfälle nicht verhindern, doch sie können dramatische Verletzungen vermeiden. Der Kopf ist der empfindlichste Körperteil des Menschen in jedem Lebensalter. Laut der aktuellen Münsteraner Fahrradstudie erleidet jeder vierte verunglückte Radfahrer beim Sturz eine Kopfverletzung. Dabei ist es reine Glückssache, wie schwer die Verletzung ausfällt. Selbst minimale Schädigungen können dazu führen, dass die Unfallopfer für den Rest ihres Lebens schwere körperliche, aber auch seelisch-geistige Behinderungen davontragen. „Das gilt vor allem für Kinder“, berichtete Dr. Kristina Müller. „Gerade kognitive Defizite können erst Jahre nach einem Schädelhirntrauma klinisch relevant werden“, betonte die Expertin für Neuropädiatrie von der St. Mauritius Therapieklinik in Meerbusch.
Alle zwei Minuten erleidet ein Mensch in Deutschland eine schwerwiegende Gehirnverletzung, das sind 270.000 pro Jahr. Die häufigsten Ursachen sind Stürze und Verkehrsunfälle, etwa 23.400 Gehirnverletzungen betreffen Fahrradfahrer. 85 Prozent von ihnen trugen zum Zeitpunkt des Unfalls keinen Helm. „Das Tragen eines Fahrradhelms kann das Risiko einer schweren Kopfverletzung um mindestens 50 Prozent verringern“, sagte Uli Schmucker, Unfallforscher der Uniklinik Greifswald.
Diese Zahlen müssen Anlass sein, den Schutz insbesondere junger Verkehrsteilnehmer weiter zu verbessern. Dazu gehört die Aufforderung, beim Radfahren immer einen Helm zu tragen. “Daraus sollte aber nicht die Forderung nach einer Helmpflicht abgeleitet werden“, betonte Prof. Klaus Mayer, ärztliches Vorstandsmitglied der ZNS - Hannelore Kohl Stiftung. „Die Gefahr, dass aus einer sanktionsbewährten Helmpflicht sogenannte Mitverschuldenstatbestände oder eine Minderung von Versorgungsansprüchen zu Lasten der Unfallopfer abgeleitet werden könnten, wäre zu groß.“ Vor allem bei schwersten Verletzungen und lebenslangen Beeinträchtigungen stünde eine so möglicherweise entstehende Versorgungslücke außerhalb eines vernünftigen Verhältnisses zum persönlichen Fehlverhalten. Stattdessen müssen andere Maßnahmen intensiviert werden, um die Sicherheit und den Schutz der Gesundheit zu verbessern, forderte Mayer. Deshalb setzt die ZNS - Hannelore Kohl Stiftung darauf, dass Fahrradfahrer selbstverantwortlich zum Helm greifen.
Familien von Unfallopfern haben vielfach Schuldgefühle und Probleme. „Häufig kommen zu den gesundheitlichen Sorgen auch noch finanzielle Probleme, denn etwa die Hälfte aller Unfallopfer erhält nicht die finanzielle Entschädigung, die ihnen zusteht“, kritisierte der Dürener Rechtsanwalt Hans Buschbell auf der Sicherheitskonferenz. „Für die Geschädigten bedeutet der oft langwierige Papierkrieg mit den Versicherungen eine erhebliche zusätzliche Belastung“, sagt Buschbell und verweist auf den Fall eines Unfallopfers, bei dem die Versicherung die Zahlung des Verdienstausfalls um 18 Jahre verzögert hat.
Darüber hinaus diskutierten die Experten in Berlin häufige Unfallursachen und Möglichkeiten, wie man sie vermeiden kann. „Über ein Drittel aller Autofahrer war schon mal in einen Unfall verwickelt, weil sie abgelenkt waren“, sagt Professor Dr. Dirk Windemuth vom Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG). Typische Ablenkungsquellen sind Telefonate, selbst wenn sie mit Freisprechanlage erfolgen. „Heute wissen wir, dass Telefonieren auch mit Freisprechanlage gefährlich ist, weil es den Fahrer zu sehr ablenkt“, betonte Dirk Windemuth.

Keine Angst vor Erster Hilfe
Ein weiterer Punkt, der den Experten am Herzen lag, ist das Thema Erste Hilfe. „Zehn Prozent der Unfalltoten hätten eine reelle Überlebenschance gehabt, wenn Unfallzeugen Erste Hilfe geleistet hätten“, sagte Christian Kellner vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat. Doch drei Viertel der gesamten Bevölkerung fühlen sich trotz Ersthelfer-Kurs im Akutfall überfordert. „Während unsere Autos alle zwei Jahre vom TÜV gründlich überprüft werden, muss man lediglich ein einziges Mal einen Erste-Hilfe-Kurs machen“, kritisierte der Experte. Die Teilnehmer der Tagung waren sich rasch einig, dass es wünschenswert wäre, die Erste-Hilfe-Kenntnisse lebenslang aufzufrischen.
Unfallforscher Uli Schmucker fordert, weitere wirksame Informationskampagnen und verstärkte Verkehrserziehung, um bei allen Verkehrsteilnehmern das Bewusstsein für die Gefahren im Straßenverkehr zu schärfen. „Wir brauchen eine noch intensivere Forschungsarbeit, um nachhaltig davon zu überzeugen, dass Vorbeugen besser ist als heilen“, schloss Professor Klaus Mayer die Tagung.

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ZNS - Hannelore Kohl Stiftung
Helga Lüngen
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E-Mail: presse@hannelore-kohl-stiftung.de

Die ZNS - Hannelore Kohl Stiftung für Verletzte mit Schäden des Zentralen Nervensystems mit Sitz in Bonn wurde 1983 von Frau Dr. med. h.c. Hannelore Kohl ins Leben gerufen. Die Stiftung unterhält einen Beratungs- und Informationsdienst für Schädelhirnverletzte und deren Angehörige, unterstützt bei der Suche nach geeigneten Rehabilitationseinrichtungen und fördert die wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der Neurologischen Rehabilitation. Sie engagiert sich in der Präventionsarbeit für Unfallverhütung. Bisher konnten 27,5 Mio Euro aus Spendenmitteln für 575 Projekte an Kliniken, Institutionen und Rehabilitationseinrichtungen in Deutschland weitergegeben werden. Jedes Jahr erleiden 270.000 Menschen Schädelhirntraumen, knapp die Hälfte von ihnen ist jünger als 25 Jahre. Dank der Fortschritte in diesem Bereich kann vielen von ihnen geholfen werden.

Spendenkonto 3000 3800 - Sparkasse KölnBonn - BLZ 370 501 98


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