ZNS - Hannelore Kohl Stiftung für Verletzte mit Schäden des Zentralen Nervensystem

Thomas Kupferschläger

Leben heißt, langsam geboren zu werden
Antoine de Saint-Exupèry

Ich werde langsam geboren, werden Menschen, die mitten in ihrem Leben z.B. durch einen Unfall wieder bei Null anfangen und alles schon einmal gelerntes wieder neu Lernen müssen. Ich und ich denke auch die meisten anderen machen das dann intensiver, schneller und besser als früher, aber auch so einfache Tätigkeiten, wie das Schlucken müssen erst mal wieder gelernt sein. Was für den einzelnen schon eine Höchstleistung bedeuteten kann. Dabei gilt für mich mehr denn je:
So intensiv zu leben wie nur möglich, liegt nicht dort im Endeffekt das Ziel unserer Anstrengungen (Celestine Freinet)


Als Hintergrund Information:

Ich war beim Unfall 33 Jahre alt.
Ich habe Abitur und anschließend Grundschullehramt studiert. Nach 2 Jahren Referendariat hörte ich ohne Abschluss auf. Dann habe ich eine Umschulung zum Augenoptiker gemacht. Ich arbeite in einer großen Filiale im dez Einkaufszentrum in Kassel, fast ausschließlich im Verkauf. Früher habe ich sehr viel in der kirchlichen Jugendarbeit gemacht und bin seit über 20 Jahren bei Amnesty international aktiv. Meine sportlichen Aktivitäten sind im Sommer Fahrrad fahren und das ganze Jahr Übungen verschiedenster Art im Verein in der Sporthalle


Unfallverletzungen

  1. Schädelhirntrauma 3. Grades
  2. Hirnkontusion links temporal
  3. Traumatische Subrachoidal Blutung
  4. Kalottenfraktur links
  5. Muskeltonusstörungen
  6. Nachweis einer deutlichen Einschränkung von Aufmerksamkeitsleistung und Wortfindungsstörungen
  7. Koordinationsstörungen
  8. Störung der Grob- und Feinmotorik
  9. Gleichgewichtsstörungen
  10. Essentielle arterielle Hypertonie
  11. Cephalea mit Licht- und besonders Lärmempfindlichkeit sowie erschwertes Konfliktmanagement


Unfall am 25.08.2002

Unfallhergang und Klinikverlauf

Ich bin mit meinem damals 11 jährigem Neffen Daniel gegen 18,00 Uhr Fahrrad gefahren. Wir fuhren auf einem ebenen, geradem Feldweg außerhalb von Zierenberg (bei Kassel) Daniel fuhr ca. 20 m vor mir. Auf einmal bin ich ins Rutschen gekommen und mit dem Kopf (dem Gesicht) aufgeschlagen. Ich weis nicht warum, und Daniel hat es nicht gesehen, da er vor mir gefahren ist. Klar ist nur, dass dies ohne fremde Einwirkungen geschehen ist. Nachdem ich da lag, hat Daniel sofort laut um Hilfe gerufen, so dass Hilfe kam, und der Rettungsdienst gerufen wurde. Andere Unfallzeugen sind nicht vorhanden, nur Menschen, die danach dazu gekommen sind. Ich wurde mit einem Hubschrauber nach Göttingen in die Universitätsklinik geflogen. Wegen der Schwere der Kopfverletzungen wurde ich 3 Wochen in ein künstliches Koma gelegt. Nach drei Wochen wurde ich in die Rehabilitationsklinik nach Wildungen verlegt (am 17.09.2002), wo ich nach 6 Tagen auf einmal wieder geistig erwachte (genau den Sonntag der Bundestagswahl) Ich lag in meinem Bett und fragte mich:
Wo bin ich?
Was mache ich?
Was ist passiert?
Kurz danach kamen meine Eltern zu mir ins Zimmer. Nach 4 Wochen konnten sie das erste Gespräch mit mir führen. Sie erzählten mir auch langsam was geschehen ist. So war ich 4 Wochen weg und meine Eltern haben sich sorgen gemacht. Ich sprach noch undeutlich, aber ich war geistig wieder da. Danach habe ich von Anfang an alleine geduscht (ohne Hilfe).Ich war sehr müde danach, aber ich konnte es. Nach dem mir klar war, was passiert ist und warum ich dort im Bett lag, fragte ich mich: Warum ich wieder auf die Erde zurück geschickt wurde. Das erst was mir eingefallen ist, dass ich bei amnesty international versucht habe Leben zu retten und das ich dies weiter machen muss, gerade für Kinder (Dies mache ich seit 1989 und bin seit 1994 Kassenwart für die Arbeitsgruppe gegen Menschenrechtsverletzung an Kinder und Jugendlichen). Mein Patenonkel war sehr erfreut, als er am Telefon mit mir sprechen konnte (er und ein paar andere waren in Göttingen). Von nun an hatte ich jeden Tag eine Stunde Gymnastik auf dem Zimmer und spielte dort sogar Fußball mit der Gymnastin, denn mein Zimmer durfte ich noch nicht verlassen, da es noch unklar war, ob ich einen ansteckenden Virus habe. Auch erste Gespräche mit der Logopädin gab es, die sich ein erstes Bild von mir machte. Da ich auch ein Telefon auf dem Zimmer hatte, habe ich sofort an meiner Arbeit, bei meiner Schwester und bei Freunden angerufen. Ich sprach noch undeutlich und teilweise verwirrt, aber ich war wieder da.

Gerade für meinen Neffen war es eine große Erleichterung, als er mich am nächsten Wochenende in die Arme nehmen konnte. An diesem Wochenende hatte ich viele Besucher, sogar mein Chef war da und brachte ein Paket voll Süßigkeiten von meinen Kollegen mit, die ich an die Krankschwestern und Pfleger verteilte. Bestimmte Sachen vergisst man nicht, so hat die Stationsärztin einmal zu mir gesagt: „Dein Onkel heißt Werner und hat in Zierenberg einen Bauernhof“ Dies stimmt. Ihr Mann ist Tierarzt und hatte schon häufiger mit meinem Onkel zu tun. Einer der ersten die bei mir waren, war ein Krankenpfleger. In unseren Gesprächen stellten wir fest, dass seine Freundin eine alte Freundin von mir aus Zierenberg ist, zu der ich schon lange keinen Kontakt mehr hatte. Solange ich auf der Station war, schieben Pia und ich uns kleine Briefchen mit Stefan als Überbringer. Der erste Kontakt mit Freunden, das ist sehr wichtig und war sehr schön. Leider ist der Kontakt nach dem Westend wieder eingeschlafen. Die Freunde von amnesty waren über meine Rückkehr ebenfalls sehr erfreut und eine der ersten, die bei mir anriefen war eine Freundin, die Krebs im fortgeschrittenem Stadium hat. Nach einer Woche durfte ich mit einer Krankengymnastin erste Schritte vor die Tür machen und ganz kurz in Begleitung nach draußen gehen.

Danach war ich natürlich vollkommen geschafft und brauchte eine Pause. Irgendwann stellte ich fest, dass ich so dürre aussehe und mir wurde klar, dass ich 10 Kilo Gewicht in den zurückliegenden Wochen verloren hatte. Auch ist mir jetzt klar, dass ich vor meinem Erwachen schon mal helle Momente hatte. So habe ich Erinnerung an eine Fahrt im Krankenwagen, die wir wirklich machten. Ich war zur Untersuchung bei einem Wildunger Arzt. Auch habe ich einen hellen Augenblick an das Wartezimmer von diesem. Desweiteren habe ich noch Erinnerungen an helle Augenblick im Krankenzimmer von Wildungen. Zwar sind diese nicht zusammenhängend, aber es gab also schon mal ein kurzes Aufleuchten bevor ich wieder komplett erwachte.

Meine Eltern erzählten mir von Göttingen und den ersten Tagen in Wildungen. In Göttingen waren sie jeden Tag bei mir und in Wildungen ermöglichte die Stationsärztin, dass meine Mutter einige Nächte bei mir auf dem Zimmer schlafen konnte. Wie viele ist mir nicht bekannt. Auch wollte ich in dieser Zeit immer eine Zigarette rauchen. Jetzt bin ich Nichtraucher. In der ersten Woche gab es Vorgespräche mit der Logopädin, die ab der nächsten Woche alle geistigen Fähigkeiten bei mir prüfte und u.a. mit zielgerichteten Übungen am Computer, die Rückkehr ins Leben erleichterte. Ich konnte bei ihr schon Übungen an Computern machen, die mit Hilfe des Kuratoriums ZNS dort angeschafft waren. Ich bin mit der Gymnastin und meinen Eltern kleine Stücke draußen gegangen und habe mit Ihnen dann in der Cafeteria gesessen. Eine Cousine studiert Medizin und als sie von meiner Schwester gefragt wurde (wo es noch unklar war), sagt sie: Wenn er erwacht, kann er auch geistig wieder zurück kommen. Daniela glaubte an mich (obwohl wir vorher kaum Kontakt hatten) und hatte ja letztlich recht mit ihrer Aussage. Dies werde ich nie vergessen.

Nach der Isolation kam ich in ein Doppelzimmer und nach einer weiteren Woche auf die selbständige Station, wo erwartet wird, dass man wieder mehr macht. Die 10 Bewohner frühstücken zusammen und haben gemeinsam Abendbrot und man kann dort (in der Küche) gemeinsam Fernsehen oder Brettspiel machen. Man wird so in kleinen Schritten wieder an das normale Leben herangeführt. Ich habe dort einen Käsekuchen gebacken, den ich das letzte mal 2/3 Wochen vor meinem Unfall zu meinem Geburtstag am 31. Juli gebacken habe, und im Rahmen der Ergotherapie sogar Gemüsesuppe gekocht.

Ich habe zwar das Gedächtnis nicht verloren aber alles war einen Zeit lang weg, so dass alle Dinge erst mal wieder gemacht werden müssen, damit ich damit wieder Erfahrungen verbinde. Auch lerne ich immer dazu, denn in den 33 Jahren vorher gab es eine Menge Erfahrungen, die selten gemacht werden und die ich wieder neu lerne, z. B. Umgang mit dem Verhalten von bestimmten Personen. Muskeln und geistige Fähigkeit wurden durch zielgerichtete Übungen wieder langsam aufgebracht. Viele Kleinigkeiten ergaben sich auch von alleine beim Leben im Krankenhaus.


Am 29.10. kam ich dann in die Kurklinik. Zwischenzeitlich war ich 1,5 Tage bei meinen Eltern und ca. 1 Stunde in meiner Wohnung.

In der Kurklinik wurde ich dann körperlich mit allen Varianten der Krankengymnastik und einem speziellen Hirnleistungstraining fit gemacht und ich hatte dort die Möglichkeit, wieder selbständig aktiv zu sein. Nach diesen weiteren fünf Wochen war ich dann in der Lage eigenverantwortlich zu Leben und in allen Belangen auch fit genug dafür. Die ersten Wochen lebte ich bei meinen Eltern und machte auch ein paar Fahrstunden mit einem Fahrschullehrer, um langsam wieder Autofahren zu können. Ab Januar übernachtete ich dann auch mal wieder in meiner eigenen Wohnung. Im März entschloss ich mich dann zu meinen Eltern zu ziehen (Ich habe ihnen genug Sorgen gemacht, dies reicht fürs Leben) Dies machte ich dann bis Juni und ab da lebte ich mich langsam wieder in Zierenberg ein.
Bei meiner Verlegung von Göttingen haben meine Eltern sehr großen Wert auf die Nähe zur Heimat gelegt, so dass alle Verwandten und viele Freunde nach Wildungen kamen, weil ja die Entfernung kein Problem war.

Was sich später als sehr wichtig für mich herausgestellt hat.
Das Verhältnis zu meinem damals 11 jährigen Neffen ist ganz anders, viel intensiver und enger als vorher. Ich bin sein einziger Onkel.


Die späteren Jahre

Im Januar 2003 machte ich 2 Monate Wiedereingliederung ins Erwerbsleben und ab März arbeitete ich Vollzeit.
Aufgrund meiner aufgezählten Verletzungen hatte ich am 27.04.2003 einen epileptischen Anfall (Narben im Gehirn können solche Anfälle auslösen). Den Anfall hatte ich im Bett bei meinen Eltern und bin mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus nach Kassel gefahren worden. Dort wurde ich von der Ärztin aufgenommen, bei der ich 6 Wochen in Wildungen war. Sie arbeitet jetzt da. Im Juni bin ich zu meinen Eltern gezogen.
Eine Schwerbehinderung von 50% ist anerkannt, was aber in Anbetracht der schwere der Verletzungen viel zu wenig ist.
Krankengymnastik mache ich ohne Unterbrechung bis heute weiter. Da ich Migräneattacken hatte und wesentlich Lärm- und Lichtempfindlicher bin, habe ich meine Arbeitsstunden bis Juni 2005 auf 30 Stunden reduziert, so dass ich einen freien Tag in der Woche mehr hatte. Mein Chef war einer der ersten, die mich besuchten und geht sehr gut, auf meine Anliegen ein. Mit dem vollen Einstieg war ich 2003 zu früh dran und habe mich in verschiedenen Bereichen überfordert. Von Juni 2005 bis Dezember 2006 arbeitete ich Vollzeit, weil sich mein Gesamtzustand verbessert hat. Aber die dauerhafte große Belastung war dann doch zu viel, so dass ich ab Ja.2007 wieder 30 Stunden arbeite, wodurch meine Arbeitsergebnisse erheblich besser geworden sind und ich auch den Vergleich mit allen anderen nicht scheuen muss, sondern als behinderter Mensch mit den nicht behinderten Menschen unterm Strich vergleichbar gut abschneide. Kopfschmerzen werden mir wohl dauerhaft erhalten bleiben, aber ich habe es gelernt damit zu leben und glücklich zu sein


Seit November 2005 bin ich ca. alle 4 Wochen eine Stunde bei einer Osteopatin, die es langsam schafft, einzelne Blockaden (auch am Kopf) zu lösen, wodurch ich wieder ein Stück freier und offener anderen gegenüber bin. Auch lassen die Lärm- und Lichtempfindlichkeit langsam nach. Was wohl auch dauerhaft bleiben wird, sind Schmerzen in der rechten Schulter, die Auftreten bei Überanstrengung und nass, kaltem Wetter. Dem kann aber durch Massage und Ruhe geholfen werden.

Ab dem Februar 2007 gibt es schon mal Tage ohne Kopfschmerzen, doch sind mir fokale epileptische Anfälle bisher erhalten geblieben. Ich mache seit 2007 auch alle 2 Jahre eine Reha. Die mir auch wirklich helfen und für mich auch sehr wichtig sind.

Im Jahr 2010 sind meine Kopfschmerzen weitgehend zurückgegangen und meine inneren Blockaden weitgehend gelöst, so dass ich wesentlicher offen nach außen auftrete und ich dadurch auf einmal wieder unbekannte Erfahrungen mache. Auch habe ich gegenwärtig nur noch einen epileptischen Anfall pro Jahr Wobei ganz klar auch meine medizinische Betreuung schon fast unmenschliches geleistet hat. An der Arbeit bin ich zwar ein Mensch mit Besonderheiten, die hat aber jeder. Am 06. Februar 2010 ist meine Mutter, die sehr viel für mich gemacht hat gestorben, aber ich konnte sie zumindest auf ihrem letzten Weg angemessen begleiten. Ich hatte 85 Schutzengel, sie leider keinen einzigen, wobei ich bis zum Ende daran geglaubt habe. Aber ich bin jetzt Gott sei Dank an einem Punkt, wo ich meinem Vater helfen kann, der durch einen Schlaganfall 1996 ebenfalls sehr stark eingeschränkt ist. Auf einem Seminar der Hannelore Kohl Stiftung im November 2010 ist mir klar geworden, dass ich etwas besonderes sein muss, denn der normale Verlauf nach einer Schädel-Hirnverletzung ist wesentlich schlechter und härter als bei mir. Was wohl auch daran liegt, dass wir keine angemessene Lobby haben und wir uns alles erkämpfen müssen. Den Kampf angefangen hat meine Mutter für mich. Ich mache aber weiter, aber gerade auch im Andenken an meine Mutter, denn ohne sie wäre ich jetzt nicht hier.


Fazit:

Während der Zeit im Koma befand ich mich im Nichts.
Dies merkte ich auf einer Trauerfeier 2005 bei der ich gleichzeitig lachen und weinen konnte. Es gibt keine Erklärung dafür warum und wodurch ich aus dem Koma erwacht bin.
In Anbetracht der Verletzungen kommt es aber sehr, sehr selten vor.Aber lasst den Menschen nicht allein und glaubt daran, dass sie wieder zum Leben kommen. Wann, wie, wo liegt zwar in anderen Händen, aber die Betroffenen spüren eure Nähe. Auch wenn die Person geistig nicht fassbar bei euch ist, lasst sie durch eure Zuwendung spüren, dass ihr zusammen den Weg zum Leben gehen möchtet. Für den betroffenen Menschen ist es der schwerste Kampf seines Lebens, lasst ihn nicht allein. Dabei bin ich kein Einzelfall, sondern gebt allen die Zeit für den Kampf.

Auch nach Jahren wird es Sieger geben




Mirco. 7 Jahre. Schädelhirntrauma.


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