Stefan Tiefenbacher

Botschafter für Unfallopfer mit Beeinträchtigungen

 

Stefan Tiefenbacher entdeckte früh seine Leidenschaft für das Saxofon. Schon während der Schul- und Ausbildungszeit spielte er in mehreren Bands. Mit dem Saxofon verdiente er auch seinen Lebensunterhalt, als er 1999 sein Abitur nachholte. Doch bevor er mit dem Wunsch-Studium beginnen konnte, erlitt er unverschuldet einen Motorradunfall, der unter anderem den Verlust des linken Armes, eine Teilamputation des linken Beines und schwerste Schädelhirnverletzungen zur Folge hatte. Stefan Tiefenbacher lag drei Monate im Koma und verlor jede Erinnerung an die Zeit vor dem Unfall.

Durch jahrelange, intensive Reha-Maßnahmen und die bedingungslose Unterstützung seiner Familie lernte er wieder sprechen, essen, lesen und schließlich sogar Saxofon spielen. Seine Mutter ließ sein Instrument extra umbauen, damit er es mit einer Hand spielen kann. Heute komponiert er Songs und wird als Saxofonist gefeiert. Das Lesen von Noten ist ihm seit seinem Unfall nicht möglich. Er spielt nach Gefühl, Gehör und Improvisation.

Seit 2004 ist Stefan Tiefenbacher der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung verbunden und trat immer wieder als musikalischer Gast auf Veranstaltungen der Stiftung auf. Im März 2016 wurde er Botschafter für Unfallopfer mit Beeinträchtigungen.

Stefan Tiefenbacher mit seinem Pianisten und Musiklehrer Walter Weh
Präsidentin Dr. Kristina Schröder mit Stefan Tiefenbacher nach seinem Auftritt anlässlich des Konzertes zum 30-jährigen Gründungsjubiläum der Stiftung am 17. Mai 2015 in Mainz

Interview zum Engagement für die ZNS – Hannelore Kohl Stiftung

Herr Tiefenbacher, ihre Lebensgeschichte ist bewegend. Auf Ihrer Website findet sich das Motto „Mit der Musik zurück ins zweite Leben“. Warum hat dieser Satz für Sie eine besondere Bedeutung?

Mit dem Unfall am 25. Juli 1999 war mein bisheriges Leben ausgelöscht. Ich musste alles neu lernen, selbst meine engsten Familienmitglieder waren mir fremd. Musik hat mich immer begleitet und berührt, war mir immer vertraut – auch nach dem Unfall. Deshalb wurde sie auch zum Schwerpunkt in meinem „zweiten“ Leben. Durch engagierte Musiktherapeuten und Musiklehrer wurde ich langsam wieder an die Musik herangeführt. Dank meiner Familie, die mir wieder Freude am Leben vermittelt hat, wurde ein Instrumentenbauer gefunden, der mein Saxofon umgebaut hat. Durch die Förderung von meinem jetzigen Musiklehrer Walter Weh habe ich viel von meinem musikalischen Selbstbewusstsein wiedergefunden.

Wie sieht Ihr „zweites Leben“ heute aus?

Ich bin froh und zufrieden, heute in meiner eigenen Wohnung wieder ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Und ich bin dankbar, von meiner Familie und vielen anderen Menschen dabei Unterstützung zu bekommen. Dank der Musik konnte ich mir neue Perspektiven schaffen. Dank meiner Familie und Freunde habe ich neue Lebensinhalte gefunden. Auch heute, 17 Jahre nach dem Unfall, arbeite ich Tag für Tag mit verschiedensten Therapeuten daran, Fähigkeiten wiederzuerlangen, meine Gesundheit zu stabilisieren und mir bei allem eine positive Herangehensweise zu erhalten. Und das ist auch eine wichtige Botschaft, die ich an dieser Stelle vermitteln möchte: Für die erfolgreiche Rehabilitation von hirnverletzten Menschen ist es enorm wichtig, dass alle Behandlungen individuell abgestimmt werden. Jeder Mensch ist anders. Jede Hirnschädigung ist anders. Der Schlüssel zum Erfolg der Behandlungen ist bei jedem Unfallopfer anders. Bei mir war es – auch wenn es sich merkwürdig anhört – die Musik.

Vielen Dank für den sehr persönlichen Einblick in ihr „zweites Leben“. Was möchten Sie als Botschafter für Unfallopfer mit Beeinträchtigungen gemeinsam mit der Stiftung erreichen?

Ich möchte für Verständnis werben. Verständnis für die besondere Situation, in der sich Menschen, die eine schwere Schädelhirnverletzung erlitten haben, befinden. Für die Unfallopfer ist von einer Sekunde auf die andere nichts mehr wie es war. Sie brauchen kompetente Hilfe und Unterstützung, haben besondere Bedürfnisse bei der Rehabilitation und Nachsorge. Ich möchte für Verständnis in der Öffentlichkeit werben, denn hirnverletzte Unfallopfer haben mit zahlreichen Einschränkungen zu kämpfen, die ihnen ein Leben inmitten der Gesellschaft erschweren. Ich möchte für Verständnis für die Situation der Angehörigen werben, die sich tagtäglich um ihr verletztes Familienmitglied kümmern. Und ich möchte nicht zuletzt um Spenden werben, damit die ZNS – Hannelore Kohl Stiftung ihre Hilfeangebote aufrechterhalten und ausbauen kann. Denn bei allen positiven Entwicklungen in den letzten Jahren: Es gibt immer noch gravierende Lücken in der Versorgung von Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen.

Mehr Informationen zu Stefan Tiefenbacher erhalten Sie auf seiner Website www.tiefenbacher-music.de